Im Interview: Designerin Anne Gorke über die Modeindustrie, Nachhaltigkeit und ihr Erfolgskonzept

Anne Gorke Show - Mercedes-Benz Fashion Week Spring/Summer 2014

Anne Gorkes aktuelle „artichokes“ Kollektion, Spring/Summer 2014

Der Name Anne Gorke ist noch relativ neu in der Modeszene. Zum zweiten Mal zeigte das junge Label aus Weimar jetzt seine Kollektion im Rahmen des großes Mercedez Benz Fashion Week Zelts in Berlin. Mit seinen klaren, von der Bauhaus Architektur-angehauchten und dennoch stets elegant, femininen Designs hat es bereits viele Fans und Liebhaber gefunden. Aber einfach nur schöne Kleidung ist hier noch lange nicht alles. Anne Gorke zeigt Ökomode die weniger öko-aussehend nicht sein kann. Ihre Entwürfe sind nachhaltig, frei von giftigen Substanzen und in Deutschland gefertigt. Sie ist der Beweis das Luxus, Design, Schönheit und Eleganz noch lange keine Abkehr von einem ökologischem Umweltbewusstsein sind. Damit treibt eine junge Designerin aus Weimar die aktuelle Entwicklung der Modebranche weiter an, sich in Sachen Herstellung und Handel zukunftsorientierter und vor allem nachhaltig auszurichten.
Was kann Anne Gorke selbst über faire Mode und Nachhaltigkeit in der Textilindustrie erzählen?

Alexandra: Du hast in diesem Jahr im Fashion Week Zelt am Brandenburger Tor debütiert und dazu auch als erste Designerin die rein ökologische Mode zeigt. Damit bist du eine echte Pionierin auf dem Gebiet in Deutschland. Von Anfang an setzte dein Label auf nachhaltige und vor allem faire Mode. Was ist dir so wichtig an dem Thema Nachhaltigkeit?

Anne Gorke: Nachhaltiges Handeln ist für mich die einzig wirkliche Möglichkeit zukunftsorientiert zu arbeiten. In meiner Erziehung hat meine Mutter sehr viel Wert darauf gelegt das ich lerne auf die Umwelt zu achten, Tiere zu respektieren und sich z.B. im Wald rücksichtsvoll zu benehmen. Als Kind war ich viel im Freien. Kurz gesagt: ich finde es wirklich cool, Verantwortung zu übernehmen.
Dafür, wie die Dinge produziert werden und was sie dabei hinterlassen.

Alexandra: Was ist das für ein Gefühl, seine erste Kollektion vor einem so großen Publikum und zwischen all den schon lange etablierten Designern zeigen zu dürfen?

Anne Gorke: Da ist zunächst einmal natürlich das Adrenalin und ein großes Glücksgefühl. In der Zeit vor der Show ist man ja so sehr mit der Kollektion beschäftigt, dass man darüber gar nicht so sehr nachdenkt. Viel eher denkt man daran wie man das Gefühl und die Idee der Kollektion auf dem Laufsteg am besten transportieren kann. Erst wenn das steht, hat man Zeit für all die anderen Gefühle und zum Reflektieren des Erlebten. Ich bin dankbar und froh, dass ich bereits zweimal die Möglichkeit hatte, auf der Mercedes Benz Fashion Week Berlin zeigen zu dürfen.

Alexandra: Deine Kollektion besteht ausschließlich aus organischen Materialien. Nach welchen Kriterien entscheidest du mit welchen Firmen du zusammenarbeitest?

Anne Gorke: Ob für mich die Herstellung der Materialien nachvollziehbar ist und ob die Herstellung Schaden anrichtet. Das sind erst mal die primären Kriterien.

Alexandra: Ökologische Mode – das ist allem Fortschritt zum Trotz noch immer ein heikles Thema für sich, dass mit gewissen Vorurteilen behaftet ist. Wie stehst du dem gegenüber? Fühlst du dich ernst genommen in der Mode-Szene?

Anne Gorke: Ich weiß, dass es da Unkenrufe gibt. Und auch, dass man belächelt wird. Dem einen ist es zu wenig Avantgarde, dem Anderen ist es zu uncool. Wenn eine Frau zu mir kommt und sich in dem Kleid oder dem Mantel wohl fühlt und das Design so sehr mag, dass sie das Kleid oder den Mantel kauft, das zählt für mich. Das macht mich sehr glücklich.

Alexandra: Wer oder was sind in Deinen Augen momentan die treibenden Kräfte in der Modeindustrie, wenn es um das Thema Nachhaltigkeit geht?

Anne Gorke: Es kommen Impulse aus verschiedenen Ecken. Da ist schwer nur ein, zwei Beispiele zu nennen. Das Thema Nachhaltigkeit ist in der Modeindustrie mittlerweile sehr vielseitig geworden und durchzieht alle Bereiche, von der Urban Streetwear bis hin zum Luxus-Markt. Ich bin dankbar für all die Dokumentationen, die immer wieder gedreht werden und auf die Missstände in der Textilindustrie aufmerksam machen.  Die Menschen müssen sehen, was sie da konsumieren. Und wenn ihnen dann spannende Alternativen zu herkömmlich produzierter Kleidung geboten werden, kann nach und nach ein Wandel stattfinden.

Alexandra: Immer mehr große Retailer, wie zB. H&M, setzen mittlerweile auf das Prädikat der Nachhaltigkeit. Wie beurteilst du diesen Trend?

Anne Gorke: Zum einen ist es gut das sie das Thema Nachhaltigkeit einer großen Konsumentengruppe näher bringen und zumindest anfangen, sich mit dem Thema auch in der eigenen Produktkette auseinanderzusetzen. Zum anderen ärgert mich natürlich diese Augenwischerei. Denn die Produktionsbedingungen sind ja unverändert schlecht. Der Kunde liest „Organic Cotton“, freut sich, kauft ein, geht nach Hause und schimpft im schlimmsten Fall in diversen Blogs über nachhaltige Labels, weil sie überteuert seien, bei H&M geht Bio ja auch billig. Das ärgert mich maßlos. Ich finde es problematisch, den kleinstmöglichen Lohn zu zahlen, bloß damit das T-Shirt 4,99€ kostet, anstatt zumindest 7,99€. Die Relationen stimmen einfach nicht mehr. Da besteht noch sehr viel Aufklärungsbedarf.
Man kann beobachten, dass manche Marken und Labels nur einen Aspekt betrachten und dann zu früh einen Schlussstrich unter die Nachhaltigkeit ziehen und rufen: Wir sind grün! Keine Sorge! Aber es geht ja nicht darum, einfach irgendwo ein Häkchen dran zu setzen und damit hat es sich. Es muss ein ganzheitliches Verständnis entstehen. Dieses Verständnis darf allerdings nicht zu einem Dogma werden. Spaß machen muss es trotzdem.

Alexandra: Hast du denn privat auch ein bestimmtes ökologisches Konzept für deinen Alltag?

Anne Gorke: Weniger Konzept  als eher ein Bewusstsein. Und das würde ich mir auch schon bei vielen anderen Menschen reichen. Ich möchte einen verantwortungsbewussteren Umgang mit der Umwelt und ihren Ressourcen, dem eigenen Alltag entsprechend. Wenn jemand viel Auto fahren muss, weil das sein Beruf erfordert, dann ist das eben so. Aber man kann trotzdem seinen Müll trennen, auf Fertiggerichte mit Fleisch verzichten und so vieles anderes. Man muss seinen eigenen  persönlichen verantwortungsbewussten Umgang finden, den man in den eigenen Alltag integrieren kann.

Alexandra: Du bist in Weimar aufgewachsen und wohnst jetzt auch wieder dort. Diese Wurzeln lassen sich deutlich an deinen wunderbar simplen und schönen Designs erkennen. Sie sind so klar, wie man das auch von einem Bauhaus-Designer erwarten würde. Fühlst du dich beeinflusst von der Stadt Weimar und der Bauhaus Bewegung, die dort seinen Ursprung fand?

Anne Gorke: Ja, im Nachhinein merke ich, wie sehr ich davon unbewusst geprägt wurde. Ich habe eine Aversion gegen zu aufdringliches Design. Alles optisch Laute schreckt mich ab.

Alexandra: Gibt es bestimmte Designer die dich besonderes inspirieren?

Anne Gorke: Es gibt Designer, die einen menschlich inspirieren, zu denen man sich menschlich hingezogen fühlt, weil man sie nachvollziehen kann. Und dann gibt es natürlich Formensprache und Designs, die einen innen ganz still werden lassen, weil sie so schön sind. Das ist dann aber weniger Inspiration, sondern eher Freude und Glück. Das geht mir bei Yves Saint Laurent so, bei Christian Dior, Tomas Maier und Tom Ford. Da bin ich eher der klassische Typ.

Alexandra: Dein aktuelles Kollektionsthema ist „Artichoke“: Ein ungewöhnliches Thema. Wie kommt man darauf?

Anne Gorke: Bei der Artischocke war es die konkrete Farbpalette, die mich inspiriert hat. Meistens läuft das so ab, das man an nichts bestimmtes denkt und dann isst man eine Artischocke, schaut sie dabei an und plötzlich macht es klick klick klick und man hat die Idee für sein nächstes Kollektionsthema gefunden.

Alexandra: Hast du ein besonderes Lieblingsstück aus deiner aktuellen Kollektion?

Anne Gorke: Das wechselt tatsächlich immer wieder. Wenn ich die Kollektion eine Woche nicht angeschaut habe und sie dann wieder durchgehe, entdecke ich manchmal ein Teil als wäre es neu. Gerade jetzt, ist es das Hemdblusenkleid aus dunkelblauer Seide. Ein konstanter Liebling von mir ist aber das weiße Denim-Kleid mit dem großen Artischocken Print.

Alexandra: Wie schätzt du den Modemarkt der Zukunft, insbesondere im Bezug auf „grüne Mode“ ein?

Anne Gorke: Ich denke, über kurz oder lang wird sich jeder mit den Produktionsbedingungen auseinandersetzen müssen. Ich wünsche mir, dass es normal wird, nachhaltig zu produzieren. Und das normale Produktionsbedingungen uncool werden – nicht nur in der Mode.

Elegant, cooles  Design trifft auf Nachhaltigkeit: Impressionen der aktuellen Anne Gorke Spring/Summer Kollektion 2014:

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